{"id":154,"date":"2007-07-25T11:15:45","date_gmt":"2007-07-25T09:15:45","guid":{"rendered":"http:\/\/thewhiteking.org\/?p=154"},"modified":"2007-10-31T11:36:32","modified_gmt":"2007-10-31T09:36:32","slug":"gyorgy-dragoman-an-der-kinderwelt-kann-man-am-besten-ablesen-wie-eine-diktatur-funktioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/?p=154","title":{"rendered":"Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n: &#8216;An der Kinderwelt kann man am besten ablesen, wie eine Diktatur funktioniert.&#8217;"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cafebabel.com\/de\/dossierprintversion.asp?Id=385\">Caf\u00e9 Babel<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Natalia Sosin &#8211; Warschau &#8211; 25.6.2007<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung : Margarethe Padysz <\/p>\n<p>Der 34-j\u00e4hrige, in Transsilvanien geborene, ungarische Autor blickt mit Kinderaugen auf die Absurdit\u00e4t und Grausamkeit eines totalit\u00e4ren Staatssystems.<br \/>\nDragom\u00e1n lebt seit nunmehr 20 Jahren in Ungarn. Er \u00fcbersetzt Klassiker von Beckett oder Joyce, aber auch zeitgen\u00f6ssiche irische Literatur, wie Trainspotting von Irvine Welsh, ins Ungarische. Sein Name &#8211; Dragoman &#8211; bedeutet in vielen L\u00e4ndern des Nahen Ostens \u00dcbersetzer und Reisef\u00fchrer. Zu seinem Repertoire z\u00e4hlen Novellen, M\u00e4rchen und ein Theaterst\u00fcck. 2002 gab Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n mit der Ver\u00f6ffentlichung des Titels Buch der Destruktion sein Autorendeb\u00fct, f\u00fcr das er den &#8220;S\u00e1ndor Brody-Preis&#8221; erhielt. Seine zweite Erz\u00e4hlung, Wei\u00dfer K\u00f6nig, die k\u00fcrzlich in Polen erschien, brachte ihm den &#8220;T\u00edbor D\u00e9ry&#8221;- sowie den &#8220;S\u00e1ndor M\u00e1rai-Preis&#8221; ein.<!--more--><\/p>\n<p>Trotz der vielen Erfolge, gl\u00e4nzt der Autor mit Bescheidenheit. Der Erfolg seines Buches scheint ihn \u00fcberw\u00e4ltigt zu haben. Wir treffen uns in der bekannten K\u00fcnstler-Bar ARTistic im Warschauer Stadtteil Wola, wo ein Autorentreffen zur Diskussion des Buches Wei\u00dfer K\u00f6nig stattfindet. Unter dem Denkmantel von Kindheitserz\u00e4hlungen, schildert die Erz\u00e4hlsammlung die Facetten der Grausamkeit im kommunistischen Ungarn. <\/p>\n<p><strong>&#8220;Ich konnte diesen Satz nicht vergessen.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee, ein Kind als Protagonisten zu w\u00e4hlen, kam Dragom\u00e1n ganz spontan: &#8220;Vor vier Jahren habe ich den Fernseher eingeschaltet und einen Mann gesehen, von dem alle dachten, er sei verschollen. Er war ein bekannter Torwart, der 1986 im UEFA-Cup Finale gegen Barcelona vier Elfmeter gehalten hatte und daraufhin spurlos verschwunden war. Es ging das Ger\u00fccht um, dass der Diktator (Nicolae Ceau\u015fescu) ihm aus Eifersucht die Hand gebrochen h\u00e4tte, weil er einen h\u00f6heren Bekanntheitsgrad erreicht hatte als er. Doch urpl\u00f6tzlich tauchte der Torwart unverhofft im Fernsehen auf. Er gab jedoch keine Auskunft zu den Umst\u00e4nden seines Verschwindens. Er erz\u00e4hlte hingegen, wie sich die Mannschaft f\u00fcr das Spiel nach der Explosion in Tschernobyl vorbereitet hat. Die Torwarte sollten Ballkontakte so gut wie m\u00f6glich vermeiden, weil der rollende Ball die gesamte Radioaktivit\u00e4t des Rasens aufnehme. Ich konnte diesen Satz nicht vergessen. Ein Torwart, der den Ball nicht ber\u00fchrt! Etwas derma\u00dfen absurdes konnte nur aus einem Kindermund stammen. Und dann h\u00f6rte ich eine Stimme in mir, die mir keine Ruhe lassen wollte\u2026&#8221;<\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr Dragom\u00e1n sind neben der &#8216;kindlichen&#8217;, flie\u00dfenden und teilweise chaotischen Erz\u00e4hlweise seine detaillierten Beschreibungen. In seinen Erz\u00e4hlungen h\u00e4ufen sich Erinnerungen und Beschreibungen von Gegenst\u00e4nden. Spielzeug, Karten, Taschenmesser, handgemachte &#8216;Waffen&#8217; f\u00fcr den Kampf gegen die Jungen aus der Nachbarstra\u00dfe. &#8220;Ein Gro\u00dfteil der Gegenst\u00e4nde sind Ausgangspunkte f\u00fcr die n\u00e4chste Geschichte. Ich beobachte gew\u00f6hnlich, wenn ich schreibe. Sp\u00e4ter setzte ich mich vor eine Wand, schaue sie an und konzentriere mich auf einen Gegenstand, bis ich die Geschichte sehe, die sich hinter ihm verbirgt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Vater sein in einer vaterlosen Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Dragom\u00e1ns Geschichten sind traurig und bewegend, voll von Grausamkeit, Gewalt, und Demoralisierung. Da ist ein Familienvater, der wegen Aktivit\u00e4ten in der Opposition verhaftet wird. Ein Gro\u00dfvater, gleichzeitig ehemaliger Parteiaktivist, der sich nicht zu seinem Sohn bekennt. Eine Mutter, die versucht den Schein der Normalit\u00e4t zu wahren. Die Helden sind einer stetigen Staatswillk\u00fcr ausgesetzt, die die Gesellschaft durchtr\u00e4nkt und ihre Menschen seelenlos und verbittert werden l\u00e4sst. Besonders Erwachsene, oder auch Lehrer, die selbst vom System unterdr\u00fcckt werden, finden ihr Ventil in der Wehrlosigkeit der Kinder. &#8220;Die Erz\u00e4hlung handelt davon, wie man in einer Welt, in der es keine V\u00e4ter gibt, die uns besch\u00fctzen, selbst zum Vater werden kann.&#8221;<\/p>\n<p>Die herrliche und auf ewig verlorene Kindheit ist ein Thema, dessen K\u00fcnstler sich oft annehmen. Dragom\u00e1n verneint jedoch, dass die Kinderwelt eine Welt der Unschuld und Reinheit ist. Wenn er \u00fcber seine Kindheit spricht ist der Autor wenig nostalgisch. &#8220;Ich m\u00f6chte sie nicht vergessen, denn \u00fcber was sollte ich sonst schreiben? Die Welt der Kinder ist eine gewaltt\u00e4tige, weil man darin um sich und seine Position k\u00e4mpfen muss. Kinder k\u00e4mpfen immer miteinander und k\u00f6nnen au\u00dferordentlich skrupellos und grausam sein. An der Welt der Kinder, wo das Recht des St\u00e4rkeren gilt, kann man am besten ablesen, wie eine Diktatur funktioniert!&#8221;<\/p>\n<p><strong>Geheimnisvoll wie seine Heimat<\/strong><\/p>\n<p>Dragoman wurde in Transsilvanien geboren Doch 1988, im Alter von 15 Jahren, wanderte er mit der gesamten Familie nach Ungarn aus. Mit dem Umzug schlie\u00dft sich ein Kapitel seines Lebens. &#8220;Emigration ist ein empfindliches Thema, ein schwieriges Erlebnis. F\u00fcr jemanden, der aus Siebenb\u00fcrgen auswandern musste, war es nicht einfach.&#8221; Obwohl die Biografie des Autors, genauso wie die geheimnisvolle Geschichte seiner Heimat, kompliziert sind, hat er keine Identit\u00e4tsprobleme. &#8220;Ich bin Ungar, obwohl ich viele Dinge auch als Au\u00dfenstehender beurteilen kann. Ich denke, ich hatte in gewissen Dingen einfach Gl\u00fcck. Wie Joyce einst sagte: Wenn du ein Mensch der Moderne sein willst, musst du deine Familie, deine Heimat und deine Religion verloren haben. Genau das ist mir zugesto\u00dfen.&#8221;, so Dragom\u00e1n ironisch.<\/p>\n<p>Aus genau dieser Doppelperspektive blickt Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n heute auf Ungarn. Er \u00fcberlegt sogar, ein Buch \u00fcber die k\u00fcrzlichen Unruhen des Landes gegen seine Regierung zu schreiben. Ein Buch, das &#8220;an eine Granatenexplosion erinnern soll, das in viele Bruchst\u00fccke zerf\u00e4llt. Und jedes dieser Bruchst\u00fccke w\u00e4re eine getrennte Geschichte, ein getrenntes Leben&#8221;. Dragom\u00e1n versteht die Unruhen jedoch nicht als Kampf gegen das bestehende System. &#8220;Der Zusammenbruch des Systems war ein wundervolles, ekstatisches Ereignis. Nach so vielen Jahren des Kommunismus war es schwer an den Umbruch zu glauben. Das, was gerade geschieht, ist nur ein Echo der damaligen Zeit. Politiker beider Lager haben Leichen im Keller. Ungarn ist kein funktionierendes Land. Das war es nie. Doch heutzutage macht dieser Zustand Menschen w\u00fctend. Wir lernen damit umzugehen, weil dies ein Teil unserer Identit\u00e4t ist. Die Parteien werden jedoch weiterhin nicht miteinander reden. Sie werden sich immer hassen und wei\u00dft du was? Das sollte uns nicht bek\u00fcmmern, weil es keine wirklich interessante Geschichte ist.&#8221;<\/p>\n<p>Gepl. Erscheinung, deutsche Ausgabe: 10.03.2008 (Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n: Der wei\u00dfe K\u00f6nig; \u00dcbersetzung: L\u00e1szl\u00f3 Kornitzer; Verlag: Suhrkamp)<br \/>\nDie englische Ausgabe wird am 1. Januar 2008 erscheinen (Gyorgy Dragoman: White King; \u00dcbersetzung Paul Olchvary; Verlag: Doubleday) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: Caf\u00e9 Babel Natalia Sosin &#8211; Warschau &#8211; 25.6.2007 \u00dcbersetzung : Margarethe Padysz Der 34-j\u00e4hrige, in Transsilvanien geborene, ungarische Autor blickt mit Kinderaugen auf die Absurdit\u00e4t und Grausamkeit eines totalit\u00e4ren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-154","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interjuk","has_no_thumb"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}