{"id":197,"date":"2008-03-07T00:03:39","date_gmt":"2008-03-06T22:03:39","guid":{"rendered":"http:\/\/gyorgydragoman.com\/?p=197"},"modified":"2008-03-19T17:35:24","modified_gmt":"2008-03-19T15:35:24","slug":"gyorgy-dragoman-tulpen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/?p=197","title":{"rendered":"Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n: Tulpen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Das erste Kapitel von <a HREF=\"http:\/\/www.buchhandel.de\/detailansicht.aspx?isbn=978-3-518-41962-5\">Der wei\u00dfe K\u00f6nig<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Am Abend hatte ich den Wecker unter mein Kopfkissen gelegt, damit nur ich das Klingeln h\u00f6rte und Mutter nicht aufgeweckt w\u00fcrde, doch noch bevor er geklingelt hatte, war ich schon wach, so aufgeregt war ich wegen der Vorbereitungen f\u00fcr die \u00dcberraschung. Ich nahm die vernickelte chinesische Taschenlampe vom Schreibtisch, zog den Wecker unterm Kopfkissen hervor, leuchtete ihn an, es war Viertel vor f\u00fcnf, ich dr\u00fcckte auf den Knopf, damit der Wecker nicht klingelte, dann nahm ich die zurechtgelegten Kleider von der Stuhllehne und zog mich rasch an, dabei achtete ich die ganze Zeit darauf, keinen Krach zu machen. Als ich die Hose anzog, stie\u00df ich versehentlich gegen den Stuhl, zum Gl\u00fcck fiel er aber nicht um, schlug nur leicht gegen den Tisch, auch die Zimmert\u00fcr \u00f6ffnete ich ganz vorsichtig, aber ich wu\u00dfte, da\u00df sie nicht knarren w\u00fcrde, denn ich hatte die Scharniere tags zuvor mit Maschinen\u00f6l geschmiert. Ich ging zur Kredenz, zog sehr langsam die mittlere Schublade heraus, nahm die gro\u00dfe Schere, mit der Mutter mir immer die Haare schnitt, \u00f6ffnete das Sicherheitsschlo\u00df und verlie\u00df leise die Wohnung, bis zum ersten Treppenabsatz hielt ich mich noch zur\u00fcck, dann aber rannte ich die Treppe schnell hinunter. Als ich unten vor dem Block stand, war mir schon ganz hei\u00df, ich schlug den Weg zum kleinen Park ein, denn dort, im Zierbeet neben dem Brunnen, wuchsen die sch\u00f6nsten Tulpen der Stadt.<br \/>\nVater war schon seit einem halben Jahr nicht mehr bei uns, <!--more-->obwohl es gehei\u00dfen hatte, da\u00df er nur f\u00fcr eine Woche wegfahren w\u00fcrde, ans Meer, zu einer Forschungsstation, in einer \u00e4u\u00dferst dringlichen Angelegenheit, beim Abschied hatte er zu mir gesagt, wie leid es ihm tue, mich nicht mitnehmen zu k\u00f6nnen, denn das Meer biete jetzt, im Sp\u00e4therbst, einen wirklich unverge\u00dflichen Anblick, es sei viel wilder als im Sommer, werfe riesige gelbe Wellen, alles sei voll wei\u00dfer Gischt, so weit das Auge reicht, macht nichts, hatte er versprochen, wenn er wieder nach Hause komme, werde er mich mitnehmen, um es mir zu zeigen, er verstehe gar nicht, wie es dazu kommen konnte, da\u00df ich schon zehn war und noch immer das Meer nicht gesehen hatte, egal, wir w\u00fcrden schon nachholen, was nachgeholt werden mu\u00df, man solle nichts \u00fcbereilen, wir h\u00e4tten genug Zeit f\u00fcr alles, das ganze Leben liege noch vor uns, das war einer seiner Lieblingss\u00e4tze, ich hatte nie wirklich verstanden, was das bedeutete, und als er dann nicht zur\u00fcckkam, dachte ich oft \u00fcber diesen Satz nach, und auch der Abschied fiel mir oft ein, als ich ihn zuletzt gesehen hatte, seine Kollegen hatten ihn mit einem grauen Kombi abgeholt, ich kam gerade aus der Schule, als sie losfuhren, w\u00e4re die letzte Stunde nicht ausgefallen, Naturkunde, h\u00e4tte ich sie gar nicht mehr angetroffen, sie stiegen gerade in den Kombi, als ich ankam, sie schienen sehr in Eile, die Kollegen meines Vaters wollten nicht einmal erlauben, da\u00df er mit mir sprach, doch Vater blaffte sie an, sie sollten sich nicht so anstellen, auch sie h\u00e4tten Kinder und w\u00fc\u00dften, wie das sei, die f\u00fcnf Minuten w\u00fcrden jetzt auch keine Rolle mehr spielen, einer seiner Kollegen, ein gro\u00dfgewachsener wei\u00dfhaariger Mann im grauen Anzug, zuckte mit den Achseln und sagte, kein Problem, auf f\u00fcnf Minuten komme es tats\u00e4chlich nicht mehr an, da kam Vater zu mir, blieb vor mir stehen, aber er streichelte mich nicht, umarmte mich auch nicht, sondern hielt die ganze Zeit sein Sakko \u00fcber beiden H\u00e4nden, und er erz\u00e4hlte mir von dieser Sache da am Meer, da\u00df er im Forschungsinstitut dringend gebraucht werde, er werde eine Woche fort sein, und sollte die Lage kompliziert werden, vielleicht auch ein bi\u00dfchen l\u00e4nger, so lange, bis er die Dinge in Ordnung gebracht h\u00e4tte, und dann sprach er noch ein bi\u00dfchen \u00fcber das Meer, aber dann kam der gro\u00dfe, grauhaarige Mann zu uns, legte meinem Vater die Hand auf die Schulter und sagte, kommen Sie, Herr Doktor, die f\u00fcnf Minuten sind um, wir m\u00fcssen jetzt gehen, weil wir sonst das Flugzeug verpassen, Vater beugte sich zu mir runter und k\u00fc\u00dfte mich auf die Stirn, aber er umarmte mich nicht, er sagte, ich solle auf Mutter aufpassen und ein guter Junge sein, denn nun sei ich der Mann im Haus und m\u00fcsse mich anst\u00e4ndig benehmen, und ich sagte, in Ordnung, ich w\u00fcrde schon achtgeben, und er solle auf sich aufpassen, sein Kollege schaute mich daraufhin an, er sagte, keine Sorge, Junge, wir werden schon auf den Herrn Doktor aufpassen, und er zwinkerte mir zu, \u00f6ffnete dann die T\u00fcr des Kombi und half ihm beim Einsteigen, inzwischen lie\u00df der Fahrer den Motor an, und kaum hatte sich die T\u00fcr hinter meinem Vater geschlossen, fuhren sie auch schon los, und ich hob meine Schultasche auf, wandte mich um und ging zum Treppenhaus, denn ich hatte mir einen neuen St\u00fcrmer f\u00fcr meine Knopffu\u00dfballmannschaft besorgt und wollte ausprobieren, ob er auch auf dem Wachstuch so gut rutscht wie auf dem Karton, ich blieb nicht stehen und winkte auch nicht, schaute dem Kombi nicht hinterher, wartete nicht, bis er am Ende der Stra\u00dfe verschwunden war. Ich erinnere mich sehr klar an Vaters Gesicht, er war unrasiert und hatte nach Zigaretten gerochen, er sah sehr m\u00fcde aus, l\u00e4chelte irgendwie schief, ich habe viel dar\u00fcber nachgedacht, aber ich glaube nicht, da\u00df er geahnt hat, da\u00df er nicht nach Hause zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, eine Woche sp\u00e4ter bekamen wir einen Brief von ihm, er schrieb, die Lage sei wesentlich ernster als erwartet, \u00fcber Einzelheiten d\u00fcrfe er aus Staatssicherheitsgr\u00fcnden nicht sprechen, aber er m\u00fcsse noch eine Weile dort bleiben, wenn alles gutgehe, werde er vielleicht in ein paar Wochen Urlaub bekommen, f\u00fcr ein, zwei Tage, aber einstweilen sei er unabk\u00f6mmlich. Seither hat er noch einige Briefe geschickt, so alle drei, vier Wochen einen, in allen stand, da\u00df er bald nach Hause kommen werde, aber dann konnte er nicht mal zu Weihnachten kommen, auch Silvester hatten wir vergeblich auf ihn gewartet, und nun war schon April, und es kamen auch keine Briefe mehr von ihm, und langsam glaubte ich schon, da\u00df Vater in Wirklichkeit ins Ausland gefl\u00fcchtet war, so wie der Vater von Egon, meinem Klassenkameraden, der durch die Donau geschwommen war und sich nach Jugoslawien abgesetzt hatte und von dort in den Westen, auch sie bekamen keine Nachricht von ihm, so da\u00df sie nicht wu\u00dften, ob er \u00fcberhaupt noch am Leben war.<br \/>\nIch lief hinter den Blocks entlang, weil ich niemandem begegnen wollte, ich wollte nicht, da\u00df mich irgend jemand fragte, wohin ich so fr\u00fch am Morgen ging. Zum Gl\u00fcck war beim Brunnen kein Mensch, ich kletterte \u00fcber den Kettenzaun, hinein ins Blumenbeet, zu den Tulpen, ich holte die gro\u00dfe Schere hervor und begann die Blumen abzuschneiden, ich schnitt die Stiele ganz unten, dicht \u00fcber der Erde ab, Gro\u00dfmutter hatte einmal gesagt, je weiter unten man die Stiele der Tulpen abschneide, um so l\u00e4nger blieben sie frisch, am besten schneide man sie gleich mitsamt den Bl\u00e4ttern ab, zuerst wollte ich nur f\u00fcnfundzwanzig St\u00fcck abschneiden, aber irgendwo bei f\u00fcnfzehn verz\u00e4hlte ich mich, so da\u00df ich weiter eine nach der anderen abschnitt, meine Jacke war na\u00df vom Tau, auch meine Hose, aber ich k\u00fcmmerte mich nicht darum, ich dachte an meinen Vater, da\u00df auch er es jedes Jahr so gemacht hatte, auch er hatte bestimmt jedes Fr\u00fchjahr die Tulpen so abgeschnitten, Mutter erz\u00e4hlte oft, da\u00df Vater mit Tulpen um ihre Hand angehalten, ihr mit Tulpenstr\u00e4u\u00dfen den Hof gemacht und auch ihren Hochzeitstag mit Tulpen gefeiert habe, an jedem siebzehnten April habe er sie mit einem gro\u00dfen Strau\u00df Tulpen \u00fcberrascht, am Morgen, wenn sie aufgewacht war, h\u00e4tten die Blumen auf dem K\u00fcchentisch auf sie gewartet, und ich wu\u00dfte, da\u00df jetzt der f\u00fcnfzehnte Hochzeitstag war, und ich wollte, da\u00df Mutter einen gro\u00dfen Strau\u00df bek\u00e4me, so gro\u00df wie nie zuvor.<br \/>\nIch schnitt so viele Tulpen ab, da\u00df ich sie kaum zusammenhalten konnte, und als ich versuchte, sie an mich zu dr\u00fccken, rutschten sie mir aus den H\u00e4nden, ich legte den Strau\u00df auf die Erde, sch\u00fcttelte den Tau von der Schere und schnitt weitere Tulpen ab, eine nach der anderen, ich dachte dabei an Vater, da\u00df bestimmt auch er mit dieser Schere die Blumen abgeschnitten hatte, ich sah auf meine Hand und versuchte, mir die H\u00e4nde meines Vaters vorzustellen, aber es gelang mir nicht, ich sah nur meine eigenen schmalen, wei\u00dfen H\u00e4nde, meine Finger in den abgewetzten Metallgriffen der Schere, und da br\u00fcllte mich ein \u00e4lterer Mann an, was ich denn da treibe, ich solle sofort zu ihm kommen, was ich mir einbilde, die Blumen einfach so abzuschneiden, er werde die Polizei rufen und mich in eine Besserungsanstalt bringen lassen, wo ich hingeh\u00f6re, ich schaute zu ihm r\u00fcber, zum Gl\u00fcck kannten wir uns nicht, so da\u00df ich ihm zurief, er solle den Mund halten, Blumen stehlen ist kein Verbrechen, dann steckte ich die gro\u00dfe Schere in die Hosentasche, griff mit beiden H\u00e4nden nach den Tulpen und hob sie von der Erde auf, einige blieben liegen, dann sprang ich auf der anderen Seite aus dem Beet, h\u00f6rte, wie er schrie, ich solle mich sch\u00e4men, so zu reden, aber er habe sich meine Nummer notiert, doch ich schaute mich nicht mal mehr um, ich wu\u00dfte, da\u00df er sie nicht hatte aufschreiben k\u00f6nnen, denn ich hatte extra die Jacke angezogen, auf der die Nummer von der Schule nicht aufgen\u00e4ht war, so lief ich ruhig nach Hause, hielt die Blumen mit beiden H\u00e4nden, damit sie nicht brachen, die Tulpenk\u00f6pfe schlugen aneinander, manchmal auch gegen mein Gesicht, die breiten Bl\u00e4tter raschelten, es roch wie beim Rasenm\u00e4hen, nur noch viel st\u00e4rker.<br \/>\nAls ich im vierten Stock angekommen war, blieb ich vor der T\u00fcr stehen, hockte mich hin und legte die Blumen behutsam auf die Fu\u00dfmatte, dann erhob ich mich und \u00f6ffnete leise die Wohnungst\u00fcr, trat \u00fcber die Blumen hinweg und stand nur da im dunklen Flur und horchte. Zum Gl\u00fcck war meine Mutter noch nicht aufgewacht, so da\u00df ich die vielen Tulpen in die K\u00fcche trug, ich legte sie auf den K\u00fcchentisch, ging in die Speisekammer, holte unterm Regal das gr\u00f6\u00dfte Einmachglas hervor, ging damit zum Wasserhahn, f\u00fcllte es mit Wasser, stellte es mitten auf den K\u00fcchentisch und tat die Tulpen hinein, es waren so viele, da\u00df sie nicht alle ins Glas pa\u00dften, etwa zehn St\u00fcck blieben \u00fcbrig, ich legte sie ins Abwaschbecken, ging dann zur\u00fcck zum Tisch und versuchte, so gut es ging, den Strau\u00df zu ordnen, aber es klappte nicht so recht, wegen der vielen Bl\u00e4tter standen die Tulpen ziemlich durcheinander, einige waren zu kurz, andere zu lang, ich begriff, da\u00df ich die Stiele gleich lang schneiden mu\u00dfte, wenn ich wollte, da\u00df der Strau\u00df irgendwie besser auss\u00e4he, und da fiel mir ein, wenn ich den gro\u00dfen Waschk\u00fcbel aus der Kammer holte, h\u00e4tten alle Blumen darin Platz, ich m\u00fc\u00dfte nicht mal die Stiele nachschneiden, so da\u00df ich wieder zur Speisekammert\u00fcr ging, sie \u00f6ffnete, mich b\u00fcckte und den Topf unterm Regal hervorzog, doch da h\u00f6rte ich, wie die K\u00fcchent\u00fcr aufging und meine Mutter fragte, wer da sei, ist da jemand, sie sah mich nicht, weil mich die T\u00fcr verdeckte, aber ich sah durch die T\u00fcrritze, wie sie da stand, in ihrem langen wei\u00dfen Nachthemd, barfu\u00df, und ich sah ihr Gesicht, als sie die Tulpen erblickte, ihr Gesicht wurde ganz wei\u00df, mit einer Hand hielt sie sich am T\u00fcrrahmen fest, ihr Mund \u00f6ffnete sich, ich dachte, sie w\u00fcrde jetzt lachen, aber ihr Gesicht sah eher so aus, als wollte sie aufschreien, als w\u00e4re sie sehr erbost oder als t\u00e4te ihr etwas sehr weh, pl\u00f6tzlich verzog sich ihr Mund zu einem Grinsen, ihre Augen wurden schmal, ich h\u00f6rte sie tief Luft holen, dann blickte sie sich in der K\u00fcche um, und als sie die offene Speisekammert\u00fcr sah, lie\u00df sie den T\u00fcrrahmen los und strich sich die Haare aus dem Gesicht, seufzte und fragte, bist du das, mein Kleiner, aber ich sagte nichts, sondern kam nur hinter der Speisekammert\u00fcr hervor und blieb am E\u00dftisch stehen, und erst da sagte ich, da\u00df ich ihr eine \u00dcberraschung bereiten wollte und sie bitte nicht b\u00f6se sein solle, ich h\u00e4tte nichts Schlimmes gewollt, ich h\u00e4tte es nur getan, weil Vater mich gebeten h\u00e4tte, solange er nicht da sei, solle ich der Mann im Hause sein, und da sah ich, da\u00df Mutter zu l\u00e4cheln versuchte, aber ihre Augen verrieten, da\u00df sie immer noch sehr traurig war, sie sagte, sie sei mir nicht b\u00f6se, ihre Stimme war ganz tief und rauh, sie sei mir nicht b\u00f6se, sie bedanke sich sehr, und als sie das sagte, trat sie auf mich zu und umarmte mich, aber nicht so wie sonst, sondern viel st\u00e4rker, sie dr\u00fcckte mich sehr heftig an sich wie einmal, als ich krank gewesen war, und auch ich umarmte sie und dr\u00fcckte sie an mich, durch meine Kleider und durch ihr Nachthemd f\u00fchlte ich ihren Herzschlag, mir fielen die Tulpen ein und wie ich im Park auf der Erde gekniet und eine Tulpe nach der anderen abgeschnitten hatte, und ich f\u00fchlte, da\u00df mich Mutter noch st\u00e4rker an sich dr\u00fcckte, und auch ich dr\u00fcckte sie noch st\u00e4rker an mich, ich hatte immer noch den Geruch der Tulpen in der Nase, vermischt mit dem gr\u00fcnen und starken Duft des Grases, und da sp\u00fcrte ich, wie es Mutter sch\u00fcttelte, ich wu\u00dfte, da\u00df sie gleich zu heulen beginnen w\u00fcrde, und wu\u00dfte auch, da\u00df ich dann ebenfalls heulen w\u00fcrde, was ich nicht wollte, aber ich konnte sie nicht loslassen, nur an mich dr\u00fccken, ich wollte ihr sagen, sie solle nicht traurig sein, es sei alles in Ordnung, aber ich konnte nicht sprechen, bekam einfach den Mund nicht auf, und da dr\u00fcckte jemand auf die Klingel an der Wohnungst\u00fcr, hielt beharrlich die Hand darauf, die Klingel schrillte sehr laut und sehr lange, einmal, zweimal, dreimal, und da sp\u00fcrte ich, wie Mutter ihre Umarmung lockerte, ihr ganzer K\u00f6rper wurde pl\u00f6tzlich irgendwie kalt, ich lie\u00df sie los und sagte, ich w\u00fcrde schon gehen und nachsehen, wer das sei.<br \/>\nAls ich zur T\u00fcr ging, fiel mir ein, da\u00df es bestimmt die Polizisten waren, denn der Mann im Park hatte mich vielleicht doch erkannt und angezeigt, und jetzt kamen sie, um mich abzuholen, weil ich das Gemeingut besch\u00e4digt und die Tulpen gepfl\u00fcckt hatte, und da dachte ich, es w\u00e4re besser, die T\u00fcr nicht zu \u00f6ffnen, aber die Klingel ging die ganze Zeit, surrte sehr laut, inzwischen wurde auch schon geklopft, so da\u00df ich das Sicherheitsschlo\u00df umdrehte und die T\u00fcr \u00f6ffnete.<br \/>\nEs waren keine Polizisten, sondern Vaters Kollegen, die vor der T\u00fcr standen, jene, mit denen ich ihn damals hatte weggehen sehen, ich war so verbl\u00fcfft, da\u00df ich kein Wort herausbrachte, da blickte mich der gro\u00dfe Grauhaarige an und fragte, ob meine Mutter zu Hause sei, ich nickte, und mir kam der Gedanke, da\u00df Vater ihnen bestimmt ein Geschenk zum Hochzeitstag mitgegeben hatte, und ich wollte gerade sagen, sie sollten eintreten, denn meine Mutter w\u00fcrde sich sehr freuen, aber noch bevor ich etwas sagen konnte, fuhr mich der Grauhaarige an, ob ich denn nicht geh\u00f6rt h\u00e4tte, er h\u00e4tte doch was gefragt, und da sagte ich, ja, sie sei zu Hause, worauf der andere, der Kleinere, ebenfalls den Mund aufmachte, er sagte, dann w\u00fcrden sie hereinkommen, er schob mich beiseite, und sie traten einfach ein und blieben im Flur stehen, da fragte mich der Kleinere, wo sich das Zimmer meiner Mutter bef\u00e4nde, und ich sagte, Mutter sei in der K\u00fcche, und ging auch schon voraus und rief, Vaters Kollegen seien hier, sie h\u00e4tten bestimmt einen Brief von ihm gebracht oder er h\u00e4tte ein Geschenk geschickt, Mutter trank gerade Wasser aus dem Henkelbecher, mit dem wir immer die Kaffeemaschine auff\u00fcllten, ihre Hand verharrte mitten in der<br \/>\nBewegung, sie schaute mich an, dann wanderte ihr Blick von mir zu den Kollegen meines Vaters, und ich sah, da\u00df ihr Gesicht hinter dem Becher bla\u00df wurde, sie die Hand mit dem Becher sinken lie\u00df, und ich sah, da\u00df auch ihre Lippen erstarrten, als ob sie pl\u00f6tzlich b\u00f6se w\u00fcrde, und da fragte sie Vaters Kollegen sehr laut, was sie hier zu suchen h\u00e4tten, und knallte den Henkelbecher auf die Ablage, da\u00df der ganze Rest Wasser herausschwappte, w\u00e4hrenddessen sagte sie, sie sollten sich fortscheren, und da traten sie beide hinter mir in die K\u00fcche, der gro\u00dfe Grauhaarige gr\u00fc\u00dfte gar nicht erst, sondern fragte meine Mutter unvermittelt, was los sei, Sie haben es dem Kind anscheinend gar nicht erz\u00e4hlt, und da sch\u00fcttelte Mutter den Kopf und sagte, das geht Sie nichts an, aber der gro\u00dfe Grauhaarige sagte, das sei ein Fehler gewesen, denn fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werde ich es sowieso erfahren und es sei am besten, dergleichen gleich am Anfang klarzustellen, weil die L\u00fcge nur weitere L\u00fcgen geb\u00e4re, und da lachte Mutter auf und sagte, ach, richtig, Sie sind ja die Freunde der Wahrheit, und da ging der Kleinere gleich dazwischen und sagte, meine Mutter solle den Mund halten, und sie schwieg dann tats\u00e4chlich, und der Grauhaarige trat auf mich zu und fragte, du, mein Junge, glaubst du immer noch, da\u00df wir die Kollegen deines Vaters sind, und ich sagte nichts, sp\u00fcrte aber, da\u00df mir kalt wurde, wie in der Turnstunde nach dem Leistungstest, wenn man sich vorbeugen mu\u00df, weil man sonst keine Luft kriegt, und da l\u00e4chelte mich der Grauhaarige an und sagte, ich solle wissen, da\u00df sie gar nicht die Kollegen meines Vaters, sondern von der Inneren Sicherheit seien, mein Vater sei verhaftet worden, weil er an einer staatsfeindlichen Aktion teilgenommen habe, so da\u00df ich ihn eine Zeitlang bestimmt nicht wiedersehen werde, eine lange Zeit, weil mein Vater am Donaukanal schufte, ob ich wisse, was das bedeutet, das bedeute, da\u00df er in einem Arbeitslager sei, und bei seiner Konstitution werde er es bestimmt nicht lange durchhalten und nie mehr von dort zur\u00fcckkehren, er sei gar nicht mehr am Leben, und als er das sagte, fa\u00dfte meine Mutter nach dem Becher und schmetterte ihn zu Boden, so da\u00df er in St\u00fccke zerbrach, und der Offizier h\u00f6rte auf weiterzusprechen, einen Moment lang war es still, und Mutter sagte, es sei genug, sie sollten aufh\u00f6ren, wenn man auch sie mitnehmen wolle, dann solle man es tun, mich aber sollten sie in Ruhe lassen, weil ich noch ein Kind sei, verstehen Sie, lassen Sie ihn in Ruhe und sagen Sie endlich, was Sie wollen, sagen Sie, was Sie hier zu suchen haben.<br \/>\nDarauf sagte der Kleinere, da\u00df sie nur so in der Gegend gewesen seien, und wo sie schon mal hier seien, k\u00f6nnten sie sich auch gleich ein bi\u00dfchen umsehen, vielleicht f\u00e4nden sie irgendwas Interessantes im Zimmer des Herrn Doktor.<br \/>\nMutter fragte, ob sie einen Befehl h\u00e4tten, und der gro\u00dfe grauhaarige Offizier l\u00e4chelte meine Mutter an, hierzulande brauche man nicht f\u00fcr jede Kleinigkeit einen Befehl, es h\u00e4tte nicht gro\u00df was zu bedeuten, wenn sie sich ein bi\u00dfchen ums\u00e4hen, er glaube nicht, da\u00df wir irgendwas zu verbergen h\u00e4tten.<br \/>\nMutter sagte daraufhin sehr laut, da\u00df sie dazu keinerlei Recht h\u00e4tten, sie sollten verschwinden, sie sollten gehen, und wenn nicht, werde sie auf der Stelle, so wie sie angezogen sei, zum Rathaus gehen und einen Sitzstreik anfangen, sie werde \u00f6ffentlich fordern, ihren Mann freizulassen, was sind das f\u00fcr Zust\u00e4nde, da\u00df man ohne jede Gerichtsverhandlung seit einem halben Jahr in Haft sitzt, was ist das f\u00fcr ein Land, es gebe doch eine Verfassung, wir h\u00e4tten Gesetze, zur Hausdurchsuchung bed\u00fcrfe es immer noch eines Befehls, den sollten sie ihr zeigen oder verschwinden.<br \/>\nDer grauhaarige Offizier l\u00e4chelte Mutter an und sagte, da\u00df ihr das K\u00e4mpferische \u00e4u\u00dferst gut stehe, und mein Vater vermisse sie dort am Donaukanal sicher sehr, denn sie sei wirklich eine wundersch\u00f6ne Frau, nur schade, da\u00df sie sich nie mehr wiedersehen werden.<br \/>\nMeine Mutter err\u00f6tete, sie wurde ganz rot im Gesicht, ich sah, wie sich ihr ganzer K\u00f6rper anspannte, ich dachte, gleich w\u00fcrde sie zum grauhaarigen Offizier treten und ihn ohrfeigen, ich glaube, ich habe sie noch nie so erregt erlebt, und da machte meine Mutter tats\u00e4chlich eine Bewegung, aber nicht zum Offizier hin, vielmehr ging sie geradewegs zur Wohnungst\u00fcr, \u00f6ffnete sie und sagte, so, das sei genug, raus hier, sie sollten ihr Haus auf der Stelle verlassen, und falls nicht, werde sie sofort ihren Schwiegervater anrufen, sie w\u00fc\u00dften genau, da\u00df er Parteisekret\u00e4r gewesen sei, und auch wenn man ihn in Pension geschickt habe, er habe durchaus noch Verbindungen, um sie f\u00fcr das, was sie hier anstellten, in die Abteilung Verkehrswesen versetzen zu lassen, wenn sie also f\u00fcr sich selbst was Gutes tun wollten, sollten sie endlich verschwinden, Mutter sagte es so resolut, so fest, da\u00df sogar ich es beinah geglaubt h\u00e4tte, obwohl ich wu\u00dfte, da\u00df Mutter niemals ohne Not meine Gro\u00dfeltern anrufen w\u00fcrde, denn seit meine Gro\u00dfmutter ihr direkt ins Gesicht gesagt hatte, da\u00df sie eine abnorme j\u00fcdische Hure sei, hatte meine Mutter weder mit ihr noch mit meinem Gro\u00dfvater gesprochen, doch aus der Art, wie Mutter es sagte, war das nicht zu entnehmen.<br \/>\nDer kleinere Offizier sagte daraufhin, ach so, wenn sie glaube, da\u00df der Alte noch \u00fcber irgendeinen Einflu\u00df verf\u00fcge, gerade jetzt, wo sein Sohn weggebracht worden sei, dann irre sie sich aber gewaltig, sie k\u00f6nne froh sein, da\u00df mannichtauchnochsieinterniere,dochwennmeineMutter telefonieren und sich beschweren wolle, bitte sch\u00f6n, und er trat zur Anrichte, griff eine Schublade und ri\u00df sie heraus, aber mit solcher Wucht, da\u00df die Schublade in seiner Hand blieb und Messer, Gabeln und L\u00f6ffel durch die K\u00fcche flogen, der Offizier knallte die Schublade gegen die Anrichte, so da\u00df der hintere Teil abbrach, und er sagte, bitte, nun habe sie einen Grund, sich zu beschweren, dabei sei es erst der Anfang, ganz bestimmt erst der Anfang, und ich sah, wie er grinste, und wu\u00dfte, da\u00df er gleich auch den Tisch umschmei\u00dfen w\u00fcrde, aber da legte der Grauhaarige ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ruhig Blut, Gyurka, ganz ruhig, la\u00df das, anscheinend haben wir die Dame falsch eingesch\u00e4tzt, wir dachten, sie sei eine kluge Frau, wir dachten, sie w\u00fc\u00dfte, wann und mit wem sie freundlich sein mu\u00df, aber es sieht so aus, als habe sie nicht Grips genug, zu begreifen, wer ihre Wohlt\u00e4ter sind, es sieht ganz so aus, als wolle sie sich um jeden Preis selbst in Schwierigkeiten bringen. In Ordnung, dann soll es halt so sein. Der Offizier namens Gyurka schmi\u00df die kaputte Schublade zu demBesteckaufdenBodenundsagte,inOrdnung,Genosse Hauptmann, machen wir es, wie Sie sagen, gehen wir.<br \/>\nDer Offizier mit dem Namen Gyurka blickte meine Mutter an, nickte, dann wandte er sich zu mir und sagte, schon gut, sie w\u00fcrden gehen, aber nur, weil er sehe, da\u00df wir die Blumen liebten, und wer Blumen liebe, k\u00f6nne kein schlechter Mensch sein, und als er das sagte, trat er zum Tisch, und ich dachte, er w\u00fcrde das Einmachglas doch noch umschmei\u00dfen, aber er nahm nur eine Tulpe heraus, hielt sie sich an die Nase, roch daran und sagte, das Problem mit den Tulpen sei, da\u00df sie nach nichts duften, sonst sei es wirklich eine wundersch\u00f6ne Blume, dann ging er aus der K\u00fcche, lassen Sie uns gehen, Genosse Hauptmann, und der Grauhaarige erwiderte nichts, winkte nur, er solle vorgehen, der Offizier namens Gyurka setzte sich in Bewegung, und als er an Mutter vorbeiging, reichte er ihr die Tulpe, meine Mutter nahm sie wortlos, der Offizier namens Gyurka sagte, eine Blume f\u00fcr die Blume, dann wandte er sich noch einmal zu mir, blickte mich an, zwinkerte mir zu, dann trat er aus der T\u00fcr und ging auch schon die Treppe hinunter.<br \/>\nAuch der Hauptmann ging hinaus, Mutter wollte schon die T\u00fcr hinter ihm zuschlagen, aber er setzte einen Fu\u00df zwischen Schwelle und T\u00fcr, damit Mutter sie nicht schlie\u00dfen konnte, und sagte dezidiert, ganz ruhig, meine Dame, Sie werden es noch bereuen, denn wenn wir wiederkommen, rei\u00dfen wir auch das Parkett auf und kratzen den Kitt aus dem Fensterrahmen, wir werden auch unter der Badewanne nachsehen, in den Gasleitungen, wir nehmen das ganze Haus auseinander, und Sie k\u00f6nnen sicher sein, da\u00df wir finden, was wir suchen, Sie k\u00f6nnen ganz sicher sein, er schwieg, wandte sich um und ging ebenfalls die Treppe hinunter.<br \/>\nDaraufhin schlug meine Mutter die T\u00fcr zu, vorher h\u00f6rte ich noch, wie der Offizier auf Wiedersehen sagte, Mutter drehte sich um und stemmte sich mit dem R\u00fccken gegen die T\u00fcr, sie stand da, mit der roten Tulpe in der Hand, blickte auf die Scherben des Bechers, die \u00fcberall herumliegenden Bestecke, die zerschlagene Schublade, ihr Mund zuckte, dann wurde er langsam hart, sie pre\u00dfte die Lippen zusammen und sah mich an, dann sagte sie sehr leise, ich solle Besen und M\u00fclleimer holen, wir wollen die zerbrochenen Teile des Bechers auflesen, und ich blickte die Tulpen an, dort im Einmachglas auf dem Tisch, und ich wollte Mutter fragen, was die Offiziere \u00fcber Vater gesagt haben, das stimmt doch nicht, nicht wahr, er kommt wieder nach Hause, und dann drehte ich mich zu meiner Mutter um und sah, da\u00df sie gerade an der Tulpe roch, und ihre Augen gl\u00e4nzten so, da\u00df ich wu\u00dfte, sie konnte die Tr\u00e4nen kaum zur\u00fcckhalten, und da fragte ich lieber nichts.<\/p>\n<p><em>Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Kapitel von Der wei\u00dfe K\u00f6nig Am Abend hatte ich den Wecker unter mein Kopfkissen gelegt, damit nur ich das Klingeln h\u00f6rte und Mutter nicht aufgeweckt w\u00fcrde, doch noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,6],"tags":[],"class_list":["post-197","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-a-feher-kiraly","category-irasok","has_no_thumb"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=197"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=197"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=197"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gyorgydragoman.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=197"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}