György Dragomán Online

Noch in beta Stuffe



    Bücher:

Der Weisse König

György Dragomán: Tulpen

7th March 2008

Das erste Kapitel von Der weiße König

Am Abend hatte ich den Wecker unter mein Kopfkissen gelegt, damit nur ich das Klingeln hörte und Mutter nicht aufgeweckt würde, doch noch bevor er geklingelt hatte, war ich schon wach, so aufgeregt war ich wegen der Vorbereitungen für die Überraschung. Ich nahm die vernickelte chinesische Taschenlampe vom Schreibtisch, zog den Wecker unterm Kopfkissen hervor, leuchtete ihn an, es war Viertel vor fünf, ich drückte auf den Knopf, damit der Wecker nicht klingelte, dann nahm ich die zurechtgelegten Kleider von der Stuhllehne und zog mich rasch an, dabei achtete ich die ganze Zeit darauf, keinen Krach zu machen. Als ich die Hose anzog, stieß ich versehentlich gegen den Stuhl, zum Glück fiel er aber nicht um, schlug nur leicht gegen den Tisch, auch die Zimmertür öffnete ich ganz vorsichtig, aber ich wußte, daß sie nicht knarren würde, denn ich hatte die Scharniere tags zuvor mit Maschinenöl geschmiert. Ich ging zur Kredenz, zog sehr langsam die mittlere Schublade heraus, nahm die große Schere, mit der Mutter mir immer die Haare schnitt, öffnete das Sicherheitsschloß und verließ leise die Wohnung, bis zum ersten Treppenabsatz hielt ich mich noch zurück, dann aber rannte ich die Treppe schnell hinunter. Als ich unten vor dem Block stand, war mir schon ganz heiß, ich schlug den Weg zum kleinen Park ein, denn dort, im Zierbeet neben dem Brunnen, wuchsen die schönsten Tulpen der Stadt.
Vater war schon seit einem halben Jahr nicht mehr bei uns, Read the rest of this entry »

Posted in Der Weisse König, Leseprobe | Comments Off